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Rollenkarten

HERR HEINRICH, Anettes Vater

Kampfgruppenkommandeur

Entwicklung: Vom brutalen Machtmenschen in der Familie und in der Gesellschaft zum gebrochenen Trinker. Dafür sorgen der Verlust seiner Tochter Anette und der gesellschaftlichen Umbruch. Sein Feindbild ist von Beginn bis Schluss klar: Leute, wie Werner.

Zitate:
„Sie sind genau so wie mein alter Herr. Dicker Funktionär für ’s Allgemeinwohl und zu Hause den großen Diktator spielen. Nur dass mein Alter meine Mutter nicht schlägt!” (Werner zu ihm)

 „Verschwinde aus meinem Haus. Und lass endlich die Finger von meiner Tochter. Anette, du bleibst hier!” (zu Werner)

„Damals, in Leipzig, wenn du mir da unter die Finger gekommen wärst, hätt’ ich’s dir persönlich besorgt, mein Freund!” (zu Werner)

„Es ist genug Werner”, sagte sie ganz ruhig. „Er hätte damals auch auf seine Tochter eingeschlagen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört. Geh jetzt bitte, Werner, bitte, geh.” (Frau Heinrich)

Erste Rollenkarten für dastellendes Spiel

ANETTE HEINRICH

Buchhändlerin

Entwicklung: Nach der durch den Vater erzwungenen Trennung von Werner Beginn einer starken und länger anhaltenden psychischen Krise.
Auf der Suche nach Werner bei einer Leipziger Montagsdemonstration trifft Anette statt auf Werner auf ihren Vater in seiner Eigenschaft als Kampfgruppenkommandeur. Anettes Instabilität nimmt so sehr zu, dass sie in die Psychiatrie gebracht wird, in der sie mehrere Jahre verbringt. Die Wiederbegegnung mit Werner lässt das Ende der Krise erahnen.

Zitate:

…Und Friedrich: „Warum Marxismus-Leninismus?”
Dann klirrt die Tür, ich schrecke zusammen, die Gottgetreu steht vor mir und scheint ehrlich erschrocken: „Anette, was ist denn los mit Ihnen, Sie sehen so blass aus, und so ein starrer Blick!”

„Das ist die manische Phase, denk ich, während sich meine Stimme überschlägt, die ist nicht zu stoppen und galoppiert mit mir los, hält auch nicht ein, als der Kellner aus dem Boden wächst und dasteht wie ein angefrorener Pinguin: „Sie möchten zahlen?” Aber er bleibt allein auf seiner Eisscholle.

”Tut mir leid”, sage ich, „aber das Fass war wirklich schon lange am Überlaufen. Ich bin kein dickes Dummerchen, an dem man einfach so seinen Frust auslassen kann, wenn einem danach ist. Sie sind nicht gerade das, was ich mir unter einer netten Kollegin vorstelle, aber ich habe Sie bisher immer fair behandelt, und ich erwarte ab heute, dass Sie das umgekehrt auch tun werden.” Dann bin ich draußen, und das angenehme Gefühl des Siegens ist sofort wieder verschwunden. (S. 49)

„Alles in mir explodierte. Ich sah diese Erscheinung auf der Bank, die wie Werner aussah, und in meinem Bauch wirbelte ein Mahlstrom, meine Beine wurden weich und ich wollte fliehen, aber dann wurde mir bewusst, dass ich schon lange keine Erscheinung mehr gesehen hatte. Ich blieb stehen und drehte mich zurück, und ich sah ihn wie durch einen Nebelschleier auf mich zukommen. Endlich, endlich brach der Damm hinter meinen Augen und die ersten Tränen flossen wie ein murmelnder Bach. Ich war blind, und ich hörte sein Schluchzen, und dann spürte ich seine Hände und atmete seinen Geruch, den Geruch, den ich fast schon vergessen hatte. Als seine Hände über meinen Kopf strichen, war mir, als sei ein Teil von mir wieder zu mir zurückgekehrt.“

WERNER WARTNICH

Student Maschinenbau

Entwicklung: Werners hoch ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und seine kompromisslose Ehrlichkeit lassen ihn zur Zielscheibe der Staatssicherheit werden und katapultieren ihn wenig später an die Spitze des Köthener „Neuen Forum“. Hier gestaltet er den beginnenden Demokratisierungsprozess in der DDR als Büroleiter aktiv und dynamisch mit, muss aber bald erleben, wie die Mitläufer des DDR Systems in den Blockparteien plötzlich von ihren „Schwesterparteien“ aus der BRD wieder hoffähig gemacht werden und letzten Endes auch  das Neue Forum von den Grünen übernommen wird. Enttäuscht von der Entwicklung studiert Werner Soziologie, mischt sich aber weiterhin in politische Prozesse ein.

Zitate:

„Diese Zuführung und die Trennung von Anette stecken mir immer noch in den Knochen, aber die Zeit ist mal wieder reif, aus der Höhle auszureiten und der Welt die Stirn zu bieten.“

 „Neues Forum“. Das klingt so, als ob man hier wieder anfangen könnte zu atmen.“ (S.34)

„Und dann konnte ich es hören. Weit entfernt, aber ich konnte es hören. „Gorbi, Gorbi“ und „Neues Forum“.
Es war besser als „Child in time“! Ein Gefühl durchrieselte warm meinen Körper. Wir waren wichtig. Die Leute da draußen vertrauten uns. Die Situation war am Kippen, und wir würden gewinnen. Wir würden gewinnen, verdammt noch mal. Wir würden alle gemeinsam eine ehrliche, saubere Sache schaffen.“ (S.64)

„Ja”, sagt der Vorsitzende und fährt sich mit einem Zellstoff über die Stirn, „wir müssen wohl runter.”
Aber ich sehe, dass ihm die Kraft fehlt, sich aus seinem Stuhl zu erheben und diesen Weg wirklich zu gehen. (…) und ich knie mich vor den Stuhl des Vorsitzenden, so wie ich immer vor Kindern knie, wenn ich mit ihnen rede, und sage: „Ich gehe vor Ihnen hinaus, hören Sie mich, ich gehe vor Ihnen.” „Ja”, murmelt er fast tonlos, „gleich, ich komme! (S. 76)

„Also gut, Leute”, sage ich, „das war ja ‘n sauberer Empfang. Hier spricht Werner Wartnich vom Neuen Forum. Hat dieser Lynchhaufen hier ‘nen Anführer?”

„Da sitzen wir also da, wir drei Helden, und rühren in unseren Tassen herum, kling, klong, kling, und ich denke, das wäre jetzt schön, wenn es kling, kling, kling klingen würde, aber ich höre immer mein klong, und die beiden anderen hören es auch.“ (S.111, Lämmie und Wölfie wollen Werner überreden, das Neue Forum aufzulösen und der SPD beizutreten)

„…und ich las: CDU 38 Prozent. Das konnte ein Ausrutscher sein, lieber Gott, lass es einen Ausrutscher sein, aber dann hielt ich den zweiten Zettel in der Hand: CDU 42 Prozent!
Es war plötzlich sehr still geworden, ich sah auf und bemerkte die mitfühlenden Gesichter der Frauen, und dann tat ich etwas, was ein Stellvertretender Wahlkreisleiter nicht tun sollte, ich rannte hinaus und warf wie der allerletzte Prolet zwei Müllkübel um, und während sich deren Inhalt auf die Straße erbrach, schrie ich so laut, daß man es bis Dohndorf hören konnte: „Ihr Schweine, ihr gottverdammten opportunistischen Schweine!” (S.126)

Typisch diese Westsoziologen. Verteidigen ihr System mit allen Mitteln, betreiben Haarspaltereien beim Thema Ungleichheit, Ungleichheit zwischen Mann und Frau, Ungleichheit zwischen Jung und Alt, aber die wirkliche Sauerei, die Ungleichheit, dass hier der eine nichts zu fressen hat und der andere in seiner Kohle ersäuft, darüber machen sie sich keine Waffel, das nehmen sie in Kauf. (S.144).

MENNECKE

Stadtstreicher, früher Bergmann

 

Entwicklung: Mennecke, stadtbekannter Obdachloser, der zu offiziellen Festen ins Altersheim gesperrt wird, „damit ichs saubere Stadtbild nich bevlecken tu“ ist trotz mangelnder Rechtschreibung ein sehr kluger und genauer Beobachter des städtischen Lebens. Er lernt „Müller“, alias Friedrich Engels kennen und trinkt mit dem Ratsvorsitzenden, dem fürs Wegsperren Verantwortlichen, nachdem dieser seinen Posten verloren hat.
Als Werner Wartnich in seinem Schmerz nach der Wahlniederlage einem Schluck aus seiner Schnapsflasche annimmt, beschließt  Mennecke mit dem Trinken aufzuhören und sich damit den Menschen um sich herum wieder ohne Filter zu stellen.

 

Zitate:

„Der Müller hatte so ne Art zuzuhörn, der ick nischt endjejensetzen konnte und beim zweeten Gläschen Wacho war ick schon mitm Berchbau fertich und beim vierten mittenmang in die Jeschichte vom ersten Mai. …Und der Müller sachte immer nur: Soso, hmhm oder wat englisches dan fracht er zu Lenin und ick war so richtich in Fahrt und jab ihm n Schneldurchlauf mit 1917 und Kolektifierung bis hin zu meim besten Freund vonne Kreisleitung und jetz hab ick so ne Angst, dass mich wider wegstecken…“ (S. 46)

„Naja, die Flasche, det war son Arjument, aber irjendwie zier ick mir doch noch son wenich. - Jut, wenn de abjesächt bist, dann müssern wir n kleen droff trinken, aber nur n kleen, falls ick bitten darf! – Naja und denn jing det los, für wat ick mir heute so schähmen tu. Wir tranken noch een uffn Frühling und een uffn Stokentenerpel im Schlossgraben. Un dann eenen uff den Haufen von Leute die sich so langsam vor unsre Bank anjesammelt hatten. Inzwischen stann wir schon uff die Bank und sangen Kalinka un der Dieter bejann sich wie son richtjer Russe uff die Schenkel zu schlaren…“ (S. 82)

„Det war eener von die drei, die unsern Herrn Ratsforsitzenden von sein hohes Ross runterjeholt hatten.… Jesoffen haste ville in dein Leben und Freunde warn det meißtens nich, die dabeiwarn un jetz warste sojar selwer so weit runner, dassde mitn Ratsforsitzenden een abjebissen hast. Also wenn der Mann da der von een janz anderet Kaliber is in seiner Not den Schluck nimmt dann hörste uff zu saufen.“ (S.113)

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Osdeutscher Ikarus

Axel Jirsch, 1991